StyleCouncil: Vom Duft überwältigt

Jeden zweiten Mittwoch liefert unsere Beauty-Chefin in ihrer neuen Kolumne Antworten auf drängende Stil-Fragen: Sind Lockenwickler noch okay, Waxing-Methoden eigentlich harmlos und Riesentaschen nun in oder out? Hier finden Sie Antworten - und sind herzlich eingeladen, Ihre eigenen Fragen zum Thema Style und Beauty zu stellen.

 

Wir sind umzingelt, da gibt es kein Vertun. Die Eindringlinge, unsichtbar und teuflisch klein, lauern überall. Sie greifen von oben, unten, von vorne und von hinten an und stürmen ungehindert eine durch nichts geschützte Zone: unsere Intimsphäre, unsere Aura oder wie immer man ihn nennen will, diesen sensiblen Raum, der jeden Menschen umgibt. Sätze wie „bleib mir vom Leib“ oder schlicht „Finger weg!“ bekunden Versuche, diesen Raum hübsch sauber zu halten. Und gewiss können wir an mancher Störung bewusst vorbeisehen, wir können die Ohren einklappen und weghören, nichts anfassen, was unappetitlich aussieht, und es noch weniger in den Mund nehmen. Nur eines unserer Sinnesorgane ist gegenüber Attacken von außen weitgehend hilflos: die Nase.

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Der Geruchssinn ist ein Workaholic, ackert ohne Pause. Nur im Schlaf dämmert er entweder ebenfalls weg oder aber verarbeitet Informationen nicht nach den üblichen Mustern. Ob also ein sehr, sehr leiser Dieb mit besonders brutalem Fußschweiß uns alarmiert aus dem Bett schrecken lässt, muss bezweifelt werden. Im schlimmsten Fall knipst den Geruch der anderen nur der Klammergriff an die Nase aus. Eine Demonstration, die an Deutlichkeit nicht zu überbieten ist. Und deshalb in den gängigen Situationen keine Option. Stinkt uns das Date, das beim Chatten noch überaus reizvoll erschien, der Busnachbar, der Bürokollege oder die eingedieselte Neue im Yoga-Kurs – keine Chance, da müssen wir durch.

Duftmoleküle verarbeitet der Mensch im limbischen System, so etwas wie die Ursuppe des Gehirns, das eher die Lustfragen steuert, als das Feuilleton zu bedienen. Warum nur, fragt man sich mit einem zweifelnden Blick auf die Evolutionsforschung als alleinige Erklärung für die Menschwerdung, reagieren manche Hirne auf billige Düfte mit einem Kaufimpuls, andere dagegen mit innerem Erbrechen?

Fakt ist, dass der Mensch auf Duftmoleküle gelernt reagiert und seine Dufterfahrung von der pränatalen Prägung bis ins Alter ausbaut. Da kommt mancher über den Klippschulabschluss offenbar nicht hinaus. Zur Strafe kassiert bei ihm noch der letzte D-Promi mit einem schnellen „Pffft, pffft“ ab. Geniale Schnüffler hingegen werden neuerdings – neben den zigfachen olfaktorischen Herausforderungen, die sie ohnehin tagtäglich bewältigen müssen – ausgerechnet in ihrer Freizeit auf eine neue, besonders perfide Probe gestellt.

So dürfen sie, den neuen Rauchverordnungen sei Dank, im Restaurant zwar endlich uneingeschränkt schmecken, was auf dem Teller liegt. Dafür fällt das eventuell in Erwägung gezogene anschließende Tanzvergnügen künftig flach. Kein die Sinne abstumpfender Rauch überlagert mehr, was Menschen in Clubs, Diskotheken und Party-Locations so alles an Gerüchen absondern. Nicht nur Supernasen müssen hier jetzt auf Extremerfahrungen gefasst sein, gegen die sich das Dschungelcamp so harmlos ausnimmt wie ein Sonntagsspaziergang.

Aber um eine größere Aufmerksamkeit respektive eine weniger ausgeprägte Toleranz gegenüber gewissen Bestäubungsvorlieben festzustellen, braucht es keinen Verweis auf Extreme. Ganz allgemein verfeinern sich allenthalben die Sinne. Vielleicht reagiert eine Gesellschaft, deren Mitglieder auf engem Raum leben und arbeiten und dabei täglich zehntausenden Reizen ausgesetzt sind, irgendwann zwangsläufig sensibel auf jedes Extrem. Einen Kassenschlager mit einem so stark orientalischen, üppigen Duft zu erzielen, wie „Opium“ es in den Achtzigerjahren war, ist hierzulande momentan kaum vorstellbar.
Und doch: Es gibt immer Luft nach unten. Wachsende Zahlen auch im Männerkosmetik-Markt bescheren uns Begegnungen mit einem alles erschlagenden Axe, das mit Eau de Toilette, Haargel und einem garantierten Anteil Eigengeruch konkurriert. Beim Shopping kollidiert man mit Frauen im Duftgewand eines Eau de Irgendwer, ein oft blumig ausgemalter I-Tupf auf einem Duftcocktail, der alles übereinander schichtet, was die Badezimmer-Alchemie hergab: die parfümierte Duschcreme über die parfümierte Body Creme, das parfümierte Deo, das parfümierte Make-up und die parfümierten Haarstyling-Produkte. Abgerundet mit Intimspray, Fußfrisch-Duft und einer fruchtig aromatisierten Handcreme.

Kein Wunder, dass sich angesichts solcher Auswüchse manche Nase nur eines wünschte: den süßen Duft des – Nichts!

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