WIDERSTAND UND SCHÖPFUNG

Seit der Duftmarkt immer unübersichtlicher wird, gedeiht die PARFÜMERIEKUNST in den Nischen. Ein Blick hinter die Kulissen

 

Parfüm, einst ein Luxus, strömt längst als breiter Fluss in einen zusehends gesättigten Markt.
Auch deshalb entdecken immer mehr Parfümliebhaber die interessanten Seitenarme: Seit Serge Lutens, Franzose mit Lebensmittelpunkt Marrakesch, vor 16 Jahren seine olfaktorischen Kunstwerke als elitären Gegenentwurf zum Massenmarkt ins Leben rief, steigt das Interesse an den sogenannten Nischen.
PARK AVENUE befragte drei besondere Vertreter der Zunft, um zu erfahren, wie und für wen sie arbeiten, was sie ihren Kunden bieten – und wie Markt und Kritik darauf reagieren.
So vertritt Sylvaine Delacourte, seit 2003 Duft-Entwicklungsleiterin bei dem zu LVMH gehörenden 180 Jahre alten Dufthaus Guerlain und verantwortlich für 30 000 Euro teure Privatparfüms, eine denkbar andere Position als Mona di Orio.
Die Französin studierte Philosophie sowie Kunst- und Sprachwissenschaft, bevor sie als einzige Schülerin des Duft-Kreateurs Edmond Roudnitska (unter anderem Diorella, Femme de Rochas, Eau d’Hermès) selbst eine "Nase" wurde.

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Die Küche ihres Freundes Alain Ducasse und der Weinbau beeinflussen ihre Arbeiten ebenso wie die bildenden Künste. Neben einer Kollektion aus fünf Parfüms bietet sie maßgefertigte Düfte ab 20 000 Euro an, die sie "Cousu Main" nennt.
Serge Lutens hält so etwas für "sehr albern", weil, wie er sagt, nur Menschen ohne Persönlichkeit personalisierte Dinge nötig haben.


Der ideale Kunde – wie sieht der aus?
Mona di Orio: Neugierig, offen, elegant und anspruchsvoll. Eine starke Persönlichkeit, ungewöhnlich und selbstsicher – und unberührt vom Trendgedanken.

Sylvaine Delacourte: Leidenschaftlich interessiert am Thema "Parfüm", jemand, der genau weiß, was er will.

Serge Lutens: Es ist unmöglich, von einem Kunden zu sprechen. Wer soll das sein? Ich denke niemals an eine Person, meine Vorstellung ist abstrakter, ohne Körper, ohne Kopf, ohne Form. Ich würde sagen, es ist eine Person, die eine Wahl hat, jemand mit einer gewissen Kultur, einem Feingefühl, jemand, der sich sicherlich auch über den Duft definieren will, das aber jenseits allen Mainstreams.

Was ist die größte Herausforderung, wenn man wie Sie arbeitet?
Delacourte: Sein Gegenüber glücklich zu machen – und stolz auf das gemeinsam geschaffene Parfüm.

Di Orio: Seinen Kunden immer wieder zum Träumen zu bringen, ihn zu verführen, ihn mit neuen, originellen und authentischen Krea tionen zu überraschen.

Lutens: Die Kreation ist die Herausforderung! Weil Schöpfung ohne Widerstand nicht vorstellbar ist! Wer erschaffen will und dabei keine Zweifel, keinen Widerstand zu bezwingen hat, entwickelt sich nicht. Es muss Brüche geben, ohne sie gibt es keinen Fortschritt, sondern nur Konvention. So zu arbeiten entspricht meinem Wesen.

Was bieten Sie, was man in der Parfümerie sonst nicht finden kann?
Di Orio: Die jährlichen Duftveröffentlichungen haben viel zu häufig auffällige Gemeinsamkeiten. Wie soll der Kunde in diesem Marketing-Dschungel intelligente Kaufentscheidungen treffen? Meine Antwort sind Nischenparfüms, die auf Kreativität und Qualität basieren.

Delacourte: Seit 180 Jahren lanciert Guerlain hochwertige Düfte, die jeden Geschmack zufriedenstellen können. Sehr gebildeten Kunden kann es nicht exklusiv und komplex genug sein, andere bevorzugen schlichtere Parfüms. Nur Beratung entschlüsselt die Träume des Kunden. Um einen individuellen Duft zu kreieren, muss ich sehr flexibel sein – man erwartet zu Recht mein Entgegenkommen und meine Aufmerksamkeit.

Lutens: Als ich vor 16 Jahren angefangen habe, war ich eine belächelte, vielleicht sogar ungeliebte Randerscheinung. Inzwischen haben viele gesehen, dass es für meine Düfte ein Publikum gibt. Jetzt will auch die Industrie diese Erfolgsgeschichte mitschreiben. Dabei darf es etwas kreativ zugehen, ein bisschen "Serge Lutens" sein, aber bitte nicht so eigen sinnig. So was heißt dann Private Collection oder Duftbibliothek oder Boutiqueparfüm, aber im Grunde verleibt man nur eine individualistische Idee wieder dem System ein. Alte Düfte neu auflegen – wo ist da der kreative Prozess? Das sind Strategien zur Wiederherstellung von Macht und Markt: Man profitiert vom Nischendenken, um Marktanteile zu gewinnen; man adaptiert die Form, aber nicht den Inhalt "Lutens".


Lesen Sie mehr ... in der Ausgabe 08/2008

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