Duftprobe: Der Designer Lutz Herrmann gestaltet Parfumflakons für bekannte Marken wie Hugo Boss, Lacoste oder Wolfgang Joop und gibt auch Düften von Celebrities wie Kylie Minogue oder Kate Moss ihr unverwechselbares Aussehen. Für PARK AVENUE testet und beurteilt er Düfte und ihre Verpackung
Welcher dieser Flakons hat Ihnen am besten gefallen?
Lutz Herrmann: Ich liebe Kitsch, besonders, wenn er liebevoll gemacht ist. Deshalb mag ich diesen Van-Cleef-&-Arpels-Flakon am liebsten. Das Design ist liebevoll, erzählerisch, die kleine Fee, die Blüte, das passt zu Parfüm. Schön ist auch die Umverpackung … sieht aus wie die Elfe aus Peter Pan. Ein klassisches Motiv und auch deshalb passend für einen Juwelier. Das Material ist gut gewählt mit dem Deckel aus Zamak, ein relativ wertiges Metall, und der Glasflasche im Facetten-Schliff.
Sehr modern, weil texturierte Oberflächen in Glas gerade viel verwendet werden. Sehr schön! Joel Desgrippes arbeitet seit bestimmt 30 Jahren in dem Metier. Ein ausgezeichneter Designer. Wundert mich aber, dass der ausgerechnet das gemacht hat. Schön, aber ungewöhnlich.
Aber was fällt einem zu dem Namen schon sonst ein?
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Hätte man den in den Achtzigern so auch machen können?
Lutz Herrmann: Nein, da hätte man statt Metall Plastik nehmen müssen, das wäre entsetzlich billig gewesen. Und dem Luxusanspruch nicht gerecht geworden. Das hier ist ziemlich zeitgerecht in der Ausführung. Das Material ist vor fünf, sechs Jahren erst wiederentdeckt worden. In den Achtzigern hätte man auch nicht so schöne Schliffe machen können. Der romantische Appeal wäre damals nicht zeitgerecht gewesen. Jetzt hat das Ganze Vintage-Touch, der Bezug auf historische Parfümflaschen-Gestaltung ist topaktuell, ein bisschen klassisch, altmodisch, 18. Jahrhundert. Oder 19. In den Achtzigern musste alles modern sein
Warum diese allgegenwärtigen Bezüge auf die Vergangenheit? Fällt den Designern nichts mehr ein?
Lutz Herrmann: Nach einer Zeit hat man sich an der minimalistischen Formensprache übersehen. Mehr Minimalismus geht nicht, also muss etwas Neues passieren. Issey Miyakes Flakon als Hommage an den Architekten Shiro Kutamata ist zum Beispiel schön, aber eben aus 1990 und in seiner Zeit verhaftet. Somit ist er gerade weniger modern als der Féerie-Flakon.
Passt der Boucheron-Flakon besser ins Jetzt?
Lutz Herrmann: Ich mag ihn, das einzige, was ich nicht so toll finde, ist – wie bei vielen Juwelieren, die Parfüms machen – der Versuch, Edelsteine darzustellen, hier in Plastikgrün. In diesem Fall hätte ich es besser gefunden, man hätte sich auf die Arbeit mit Glas beschränkt. Die Form finde ich super, aber angemessenes Material wäre schöner gewesen
Das fällt dem Klassiker im Reigen leichter: Chanels Eau Premier. Was fällt Ihnen zu der Variante vom 2007 verstorbenen Chanel-Artdirector ein?
Lutz Herrmann: Sehr klassisch, wie Chanel sein muss. Da würde jetzt niemand eine Fee erwarten. Eigentlich ist der No5-Flakon flacher, facettierter, der hier nimmt eher die Form auf, den alle Chanel-Männerdüfte haben. Wie Antaeus – diese leicht abgerundete, quadratische Grundform. Deshalb passt er in die Chanel-Familie. Ich schätze an der Marke, dass man relativ wenig Glas verwendet, was ein höheres Bruchrisiko in der Produktion ergibt. Bei dem Boucheron-Flakon kann in der Fließband-Produktion nicht viel schief gehen. Wenn der irgendwo gegen schlägt: das hält. Anders Chanel. Sehr dünnes Glas, ebenmäßige Außenform – da ist auf dem Fließband die Hälfte schon wieder auszusortieren, weil die Flaschen Macken kriegen. Chanels Umgang mit der tradierten Formensprache und der Qualität des Packaging ist einfach souverän.
Ist es nicht ein Privileg, nicht immer nach neuen Sternen greifen zu müssen, sondern sagen zu können: Wir haben hier die Bank?
Lutz Herrmann: Ja, einfach gut. Andere müssen dann eben eine Porzellanstatue oben drauf stecken. Was ist das überhaupt? Laura Biagiotti?
Im Gegenteil: Das ist MDCI, eine Pariser Nischenmarke mit großartigen Kompositionen von Meisterparfümeuren. Die müssen nicht jedem und allen gefallen. Für die kleinen Bisque-Porzellanbüsten hat der Firmeninhaber nach Exponaten aus Louvre, den Uffizien in Florenz und aus der Wiener Schatzkammer gearbeitet. Eher eine Liebelei für Sammler.
Lutz Herrmann: Aha. Also, ganz hübsch, so Porzellan, und Glas, aber würde ich einen der Düfte kaufen, wäre dann wohl eine Männerbüste drauf. Das fände ich irgendwie albern.
Die gibt es auch ohne Büste.
Lutz Herrmann: Ja, aber ich finde so Sachen geschmacklich schwierig verständlich – ein gutes Beispiel ist der Gaultier-Torso für Männer, der ja total missverstanden wird. Gemacht für eine schwule Zielgruppe, wird der Duft in Deutschland hauptsächlich von jungen Heteros aus dem Süden gekauft. Ich mag spielerischen Kitsch, aber diese Ausführung geht für meinen Geschmack zu weit. Ein schöner Duft, ich wüsste allerdings nicht, wie ich das mit dem Namen in Verbindung bringen soll. Ich war mal in Marokko, aber nie im Serail. Vielleicht ist damit die Mozartsche Entführung gemeint? Wäre mal eine hübsche Idee für Roma. Da hatten wir mal eine Flasche aus Swarovski-Kristall, sehr schön, da ist nur immer der Deckel abgebrochen. Die kam gar nicht in den Handel.
Dazu passt jetzt der Cartier-Flakon – ich bin gespannt, was passiert, wenn Sie den öffnen.
Lutz Herrmann: Oh! Was habe ich jetzt gemacht? Ich glaube, ich habe die halbe Kappe mit abgenommen! Das ist mal wieder nett gemeint, aber an der Realität vorbei: Man kann diesem Überwurfring, der über die Pumpe gehört, keine Funktion zuordnen, weil er bei jeder Flasche los dran sitzt. Der kann nicht richtig arretiert werden. Da man dem jetzt eine Funktion bei der Schließe zugeordnet hat, ist wahrscheinlich kein Wunder, wenn die Hälfte der Leute es mit abnimmt. Blöd. Die Flasche ist sonst ganz cool; kein Ausbund an Schönheit, aber eben cool. Für eine bestimmte Zeit wird das funktionieren. Den kauft ein Mann zwischen 50 und 60, der immer noch jung sein und auch so wirken möchte. Der hat auch einen Roadster. Obwohl er eigentlich zu alt dafür ist.
Kaufen den nicht Jüngere und träumen dann von Auto und Uhr?
Lutz Herrmann: Nein, das glaube ich nicht. Riechen tut er aber nicht schlecht … Moment, den Duft finde ich sogar super! Und die Umverpackung auch. Ach, und der soll gar nicht stehen – der ist nicht aufrecht gemeint, der soll liegen! Den habe ich die ganze Zeit verkehrt angeguckt. Schön gemacht – bis auf dieses Ring-Detail, das die Hälfte der Leute kaputt machen werden, dann gehen sie zurück in die Parfümerie – ach, die armen Verkäuferinnen!
Hatten Sie eigentlich zur L’Eaus-d’Issey-Edition alles gesagt?
Lutz Herrmann: Ich finde ihn schön, aber deutlich von Memphis beeinflusst. Dieses Kubische könnte auch von einem der Memphis-Designer stammen, Sottsass vielleicht. Sehr End-Achtziger, Neunzigerjahre. Auch der normale L’Eau-d’Issey-Flakon ist ja Neunzigerjahre – aber zeitloser. Die Art der Verpackung allerdings mit der Schachtel, die nach zwei Seiten hin öffnet, ist sehr toll gemacht.
Auch der Flakon von Azzaro verbirgt nicht die Zeit, aus der er ursprünglich stammt.
Lutz Herrmann: Der ist sehr nah am Original. Aber der hatte früher einen schwarzen Ring. Azzaro war in den Siebzigern ja ultramodern und überhaupt das Hippste! Wenn man das weiß und versteht, ist dieses Zitat okay. Ich glaube, die meisten kapieren das aber nicht. Wenn ich den so wieder hinstelle und statt Schwarz einen weißen Ring mache – das reicht mir persönlich nicht. Ich hätte dieses Revival anders umgesetzt, statt mich derart konkret auf das Alte zu beziehen.. Nah dran am Original, aber dabei zeitlos ist der Profumo von Acqua Di Parma – das ist hübsch, gefällt mir sehr gut. Sieht luxuriös aus, was auch wieder modern ist, hat ebenfalls Textur – die Marke hält ihr Luxusversprechen. Die Düfte sind alle gut, was auch für das Packaging gilt. Das machen die schon clever.
So, und zum Schluss: der neue Männerduft von Kenzo –
Lutz Herrmann:– super, nett, wie die mit ihren Namen spielen. Nach Flower für Frauen Power für Männer, und trotzdem ist da noch so ein kleines Blümchen mit drin – ganz charmant.