"Der Trend: Sichere Maßnahmen"

Beauty-Chefin Alke von Kruszynski will's wissen : "Was kostet das Gesicht einer „Desperate Housewive“?". Schönheitschirurgin Regina Maria Wagner antwortet

 

Frau Dr. Wagner, Sie sind plastische Chirurgin mit Fachgebiet Brust-OPs – fließt bei Ihnen noch viel Blut? Haha, bei mir fließt überhaupt kein Blut, weil ich beim Operieren eine sorgfältige Blutstillung mache. Aber ich weiß, worauf Ihre Frage abzielt: Sie wollen wissen, ob noch viel operiert wird. Und in den letzten Jahren ist wirklich ein klarer Trend zu verzeichnen: Weg von den operativen Maßnahmen hin zu den kleineren, sozusagen nichtchirurgischen Maßnahmen, etwa Unterspritzungen oder Botox-Behandlungen oder Peelings. Das beweist Ihr Wartezimmer: Es ist immer gut besucht, auf einen Termin muss man Wochen warten, und irgendwie sieht es nicht anders aus als beim Zahnarzt – es kommen jedenfalls nicht nur Frauen. Da ich mich als Familienärztin sehe, kommt vom Kind bis zum Greis jeder. Als ich vor zehn Jahren meine Praxis gegründet habe, waren die ersten Patientinnen Frauen in meinem Alter, Freundinnen, die gesagt haben, oh, endlich bist du fertig, ich wollte mir schon immer mal dies, das, jenes machen lassen. Später haben sie ihre Mütter, aber auch ihre Kinder mitgebracht, um Segelohren anzulegen oder Hautflecken entfernen zu lassen. Das Durchschnittsalter liegt bei etwa 35 Jahren, aber da ist alles drin. Faltenbehandlungen fangen inzwischen relativ früh an, es kommen schon 25-Jährige oder 21-Jährige.

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Die haben doch gar keine Falten. Mit 20, mal ehrlich! Stimmt nicht ganz! Fragen Sie jemanden mit stark ausgeprägter Zornesfalte, der wird sicher sagen, die habe er schon als Kind gehabt. Ich propagiere natürlich nicht, Kinder schon mit Botox zu behandeln – aber es gibt junge Menschen mit so starker Mimik, dass ihre Zornesfalte sie mit Recht stört. Eine starke Mimik löst außerdem häufig migräneartige Kopfschmerzen aus. Und Botox kann Migräneschmerzen lindern. Wird es in dem Fall genau da eingesetzt, wo die Zornesfalte entsteht? Ziemlich genau da. Die Injektionspunkte zur Migränetherapie sind ähnlich denen, die ich zur ästhetischen Behandlung setze. Es hängt natürlich davon ab, wo der Kopfschmerz liegt. Und was wollen die Männer in Ihrem Wartezimmer? Der eine oder andere wurde von seiner Frau mitgebracht. Viele suchen mich aber auch gezielt als Fachärztin heraus und kommen, weil sie unterstellen, dass Frauen mit mehr Liebe zum Detail, sprich: sorgfältiger arbeiten. Und: Die Zahl männlicher Patienten steigt sichtbar. Anfänglich hatte ich 5 Prozent, mittlerweile sind es zwischen 15 und 20 Prozent. Früher ließen sie Hautveränderungen wegschneiden oder eine Oberlidkorrektur machen – eine stark männlich besetzte Maßnahme. Inzwischen kommen sie auch zur Botox-Behandlung und zum Unterspritzen. Und das Neue ist: Wenn ich die Haut desinfiziere, landet nicht selten Puder oder Make-up auf meinen Tupfern!

Sieh mal an! – Viele Ihrer Eingriffe sind offenbar der Dermatologie zuzuordnen. Dieses Wissen müssen Sie als plastische Chirurgin sich immer wieder neu aneignen. Wie häufig sind Sie zur Fortbildung? Ständig. Meine Mitarbeiterinnen jammern schon, sie bekämen die Patientenzahlen nicht mehr untergebracht! Aber nach allem, was so passiert, gibt es keinen Grund, die Medizin neu zu erfinden. Und schon gar nicht die ästhetische Medizin. Man muss auf dem Laufenden sein und darf sich nicht einfach was ausdenken: Ich mach das jetzt mal so. In der ästhetischen Medizin wird nach wissenschaftlichen Kriterien gearbeitet. Heißt das, Behandlungsformen, die schon länger praktiziert werden, erzielen die besten Ergebnisse? Ganz klar! Und wer täglich Falten unterspritzt oder Brüste vergrößert oder Oberlider strafft, ist so hoch spezialisiert, dass man das nicht einem Orthopäden überlassen muss. Wo sehen Sie die stärksten Entwicklungen? Auch in den USA sind die kleineren Eingriffe am stärksten gefragt. Vor allem Hyaluronsäure wird nicht nur als Faltenfiller, sondern großflächig und in großen Mengen eingesetzt. Um den Fettverlust in der Haut optisch auszugleichen, wird es in einer sehr dünnen Form in vielen kleinen Dosen flächig in die oberen Hautschichten eingebracht. Dort speichert es körpereigenes Wasser und ergibt so ein monatelanges Feuchtigkeitsreservoir von innen.

Das Erscheinungsbild wird praller und wirkt jünger. Richtig. Das Erfreuliche an der gesamten Entwicklung ist die gestiegene Sicherheit dieser Maßnahmen. Bei Botox ist die Wirkung nach drei Monaten pharmakologisch verbraucht, es hat also in dem Sinne keine Nebenwirkungen. Und aktuelle Filler-Substanzen wie Hyaluronsäure oder andere sind überwiegend resorbierbar, weshalb nicht davon auszugehen ist, dass es zu Spätschäden kommt. Für Hyaluronsäure existiert sogar ein Gegenmittel, das Überspritzungen wieder auflösen kann. Ich denke, das ist der Trend: Sichere Maßnahmen. Das gilt auch für Operationen. Ein Restrisiko bleibt, wird es immer geben. Wird es in der ästhetisch-kosmetischen Chirurgie in zehn Jahren zugehen wie in der Augenlaser-Chirurgie? In den Metropolen fällt man von einer Laserklinik in die andere, der medizinische Eingriff ist als Dienstleistung institutionalisiert. Das erzeugt eine Normalität einerseits und Preisverfall andererseits. Ich verzeichne längst eine gewisse Normalität. Man spricht darüber überall. Nur sich dazu zu bekennen, ist noch nicht so geläufig wie bei der Augenlaserchirurgie. Ob es einen Preisverfall geben wird? Ich denke, Qualität wird ihren Preis behalten.

Aber es gibt fast im Wochentakt neue Marken und Darreichungsformen, etwa an Hyaluronsäure. Es gibt bestimmt 250 Filler, wobei ich da wie bei anderen Dingen meines Lebens auf den Marktführer Restylane vertraue. Der Hersteller hat die längste Erfahrung, die meisten Untersuchungen und eine gut funktionierende wissenschaftliche Abteilung. Manche neuen Unterfütterungsprodukte haben überhaupt keine Studien, auf die sie zurückgreifen können. Ich beobachte den Markt seit über zehn Jahren. In der Zeit sind einige Produkte wieder vom Markt genommen worden oder haben unerwünschte Nebenwirkungen hervorgerufen. Deshalb bin ich nach wie vor bei dem nicht billigsten, aber dem aus meiner Sicht besten Produkt. Sie haben in Beverly Hills hospitiert und kennen sich mit den Gepflogenheiten dort aus. Was kostet das Gesicht einer „Desperate Housewive“, die Mitte Vierzig aussieht wie Anfang Dreißig? Bei der Menge Botox, die zum Beispiel Marcia Cross im Gesicht hat, muss sie mindestens alle viertel Jahre zur Behandlung. Das wären mindestens 500 Euro alle drei Monate, nur für das Botox. Da ihr Gesicht auch sehr voluminös aussieht, gehe ich sehr davon aus, dass eine große Menge Hyaluronsäure benutzt wurde. Um diesen Füllungseffekt zu halten, muss man alle drei bis sechs Monate nachspritzen lassen, da kommen noch einmal mindestens 500 Euro dazu. Für diese ständig wiederkehrenden Maßnahmen sind mindestens 1000 Euro alle drei Monate fällig.

Man muss also schon Rücklagen schaffen können, um aufschiebende Wirkung zu erzielen. Ja, wobei so ein Gesicht bei uns nicht als attraktiv empfunden wird. Wir lieben das natürliche, unoperiert aussehende Gesicht. Wenn ich um Botox gebeten werde, dann so, dass es die Mimik mildert, aber nicht lähmt. Natürlich kommen Schauspielerinnen zu mir, auch alle viertel Jahre, aber nur für eine kleine Dosis. Die würden sonst in Deutschland nicht besetzt werden. Hier ist Mimik gefragt, da muss man auch mal die Denkerstirn auflegen können. Aber zum Bambi will man toll aussehen und das Lächeln muss gerade noch klappen. Es gibt sicher Termine, zu denen bei Ihnen Hochkonjunktur herrscht? Natürlich. Auch zu Weihnachten und Sylvester! Da wird die Botox-Notfallbehandlung gefordert, das muss ja alles ein paar stressige Tage aushalten.

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